Wo ist das liebe Geld geblieben?
Auf der Suche nach Gründen für den Sozialabbau, die Arbeitslosigkeit und die Wirtschaftskrise.
via Frau Macht Zukunft » Geld – weniger ist mehr. Dieser Artikel (den ich hier auszugsweise zitiere) stammt von Frau Dr. Erika Riemer-Noltenius, die inzwischen leider verstorben ist. Ihre Gedanken sind so schlicht wie genial.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind wir alle davon überzeugt, daß Geld und Wirtschaft zusammengehören, daß unsere Geldordnung gerecht und vernünftig geregelt ist und sich auf sicheren, unabänderlichen Bahnen bewegt, so wie die Erde um die Sonne kreist.
In Wirklichkeit hat aber 98 Prozent des weltweit vorhandenen Geldvolumens nichts mehr mit der Wirtschaft zu tun. Nur 2 Prozent der Geldmenge reicht aus, um sämtliche Löhne und Rechnungen zu bezahlen, um alle lebensnotwendigen Güter zu produzieren, Investitionen zu tätigen und Dienstleistungen zu bezahlen. Die Masse der Geldmenge ist nichts weiter als reine Spekulation, die für das Wohlbefinden der Menschen so überflüssig ist wie ein Kropf.
In der Tat gibt es eigentlich “zuviel” Geld, oder sagen wir mal lieber, die vorhandene Geldmenge (die ja erstmal hergestellt wurde – Geld gibt´s nicht von Natur aus), wird vollkommen falsch eingesetzt.
Geld ist eine menschliche Erfindung oder Vereinbarung, die allein auf dem Glauben basiert, daß es einen Wert hat und dieser Wert von allen anerkannt wird.
Ein Geldschein ist nichts wert, eine Münze ebenso fast nichts – mal abgesehen vom reinen Papier- oder Metallwert – nur weil wir daran glauben, bzw. davon überzeugt sind, dass es mehr als das Material aus dem es besteht wert ist, können wir es als Zahlungsmittel einsetzen. Gibt es kein ausreichendes Vertrauen mehr in den Wert, bricht das Finanzsystem zusammen. Beispiele hat die Geschichte genug zu bieten.
Unsere heutige Geldordnung hat gravierende Konstruktionsfehler, die dafür verantwortlich sind, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer, aber zahlreicher werden (…).
Zwei widersprechende Aufgaben soll das Geld erfüllen: erstens soll es die Wirtschaft vorantreiben, Güter bezahlen etc. Dazu ist der stete Geldumlauf unerlässlich. Zweitens soll es für Reichtum und Wohlstand sorgen. Dazu muss es aber festgehalten werden, und wird somit dem normalen Geldumlauf entzogen.
Dieses Verhalten führt zu Blockaden und Staus, die die Wirtschaft empfindlich stören und zum Erliegen bringen können. Dieses Phänomen der Geldhortung und seiner schädlichen Auswirkung auf die Wirtschaft wird in der Öffentlichkeit nicht erkannt und deshalb auch nicht diskutiert.
Schuldige für Wirtschaftskrisen werden immer viele genannt: die Arbeitnehmer, die Sozialschmarotzer, die USA, der Sozialismus, der Kommunismus, der Kapitalismus, die Arbeitgeber, die Politiker etc. Dabei ist es weder einer Person noch einer Personengruppe zuzuschreiben, wenn die Wirtschaft am Boden liegt. Es handelt sich um eine sogenannte systemimmanente Erscheinung unseres Finanzsystems, hauptsächlich verursacht durch den Zinseszinsmechanismus.
Er ist dafür verantwortlich, daß Wohlhabende immer reicher und Bedürftige immer ärmer werden, daß immer mehr Konzentrationen und Polarisierungen stattfinden, daß kleinere Firmen von größeren geschluckt oder in die Schuldenfalle getrieben werden.
Die meisten Menschen glauben, daß sie nur dann Zinsen bezahlen, wenn sie einen Kredit aufnehmen. Sie wissen nicht, daß in jedem Preis ein Zinsanteil von 30 bis zu 85 Prozent enthalten ist. Nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung profitiert vom Zinssystem, während 90 Prozent diesen 10 Prozent zu immer höherem Reichtum verhelfen.
Da die Menschen nicht wissen, dass sie mit jeder Zahlung, mit jedem Einkauf, mit ihrer Miete und ihren Steuern stets einen großen Anteil am Zinseszinssystem bezahlen, können sie auch nicht dagegen angehen. So findet einer immer währende Umverteilung von Unten nach Oben, von Arm nach Reich statt. Nur wer von Zinsen profitiert (sog. “arbeitetendes Kapital” hat) kann Geld anhäufen, wer Zinsen bezahlt, verliert.
Eines der größten Probleme dabei ist, dass der Staat die Verantwortung für das Finanzsystem gänzlich an Banken übertragen hat und selbst zum Schuldner, d.h. Zinseszinszahler geworden ist. So wandert das Vermögen des Volkes über die Zinsen der Staatsschulden in die Taschen der Kapitalbesitzer.
Die Schulden der öffentlichen Hand sind so groß, daß jeder 4. Euro aus dem Steueraufkommen für den Schuldendienst (Zinszahlungen) verwendet werden muß.
Seit mehr als 10 Jahren entspricht die Höhe der jährlichen Neuverschuldung in Deutschland in etwa der Höhe der Zinszahlungen, d.h. der Schuldendienst wird mit neuen Schulden bezahlt. Mit der jährlichen Neuverschuldung wird also kein zusätzlicher Arbeitsplatz geschaffen, keine Investition getätigt, sonder nur die Schuldenspirale immer weiter in die Höhe geschraubt.
Nun brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn kein Geld für Sozialleistungen, Förderung von Arbeit oder Bildung vorhanden ist. Es wird für Schuldentilgung, bzw. nicht einmal dass, sondern für die Zahlung allein der Zinsen verwendet. Die Schulden werden dabei nicht getilgt und sind und bleiben unendlich. Eine unendliche Geldmaschine für die Kapitalbesitzer und Kreditgeber.
Aus dem Dilemma der Schuldenfalle und der Arbeitslosigkeit, in der sich alle Staaten der Welt befinden, gibt es nach Ansicht der verantwortlichen Politiker nur einen Ausweg: Mehr Wirtschaftswachstum.
Dabei gibt es bei uns aber gar keinen Mangel an Gütern oder Dienstleistungen.
Werden wir mehr Autos kaufen, wenn mehr gebaut werden? Mehr Waschmaschinen? Mehr Fernseher? Essen wir mehr, wenn die Bauern mehr anbauen? Wir haben keinerlei Mangel, im Gegenteil, der Spruch von der Überflussgesellschaft ist längst Realität geworden. Aber immer noch gilt Wirtschaft als die Methode zur Abschaffung von Mangel. Die Produktivität der Wirtschaft ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten immens gestiegen. Gäbe es keinen Export – wir hätten Halden von Wirtschaftsgütern, wie einst den Butterberg und den Milchsee.
Wirtschaftswachstum kann also nicht die Lösung für unsere Wirtschafts- und Sozialprobleme sein. Wie sieht es denn auf der Seite der abhängig beschäftigten aus, derjenigen, die all das Produzierte konsumieren bzw. kaufen sollen?
In den vergangenen 10 Jahren (von 1991 bis 2001) ist das Bruttoinlandsprodukt um 37 % gestiegen, die Nettolöhne und –gehälter aber nur um 23 %, die Einkommen aus Unternehmen um 31 %, die Steuereinnamen des Staates um 42 %, die Bankzinserträge aber um 89 % und die Geldvermögen um 99 %.
Unser Zinseszinssystem sorgt für eine exorbitante Geldvermehrung der nichts mehr als Vergleichswert gegenüber stehen kann.
Die Annahme, daß die Arbeitslosigkeit durch mehr Wirtschaftswachstum verringert werden könnte, hat sich längst als Illusion erwiesen, denn seit vielen Jahren werden mehr Arbeitsplätze wegrationalisiert als neue geschaffen, bei trotzdem steigender Produktivität der Wirtschaft. Deshalb ist es völlig verfehlt, eine Verlängerung der Arbeitszeit einzuführen und die Langzeitarbeitslosen einer Art Zwangsarbeit zu unterwerfen.
Passt das nicht exakt zur Debatte um Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch, der Zwangsarbeit für Arbeitslose einführen möchte? Was soll denn das bringen? Staatlich finanzierte Unternehmensförderung, da die Arbeitgeber solcher Menschen kein Gehalt mehr zahlen müssen (womöglich noch in akzeptabler Höhe), da dies ja schon der Staat übernimmt und damit die Allgemeinheit. So arbeitet ein “Arbeitsloser” (welch Widerspruch in sich) für ein Wirtschaftsunternehmen und bekommt dafür vom Staat (aus dem Steuertopf) einen Hungerlohn. Was für ein menschenverachtendes System!
Schon vor über 25 Jahren erklärte der große Mann der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Bräuning, daß zwei Stunden Arbeit pro Tag aller arbeitsfähigen Menschen völlig ausreichen würden, um die lebensnotwendigen Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen.
Wäre das nicht schön? Jede/r arbeitete lediglich 10 Stunden pro Woche, es gäbe keine Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger mehr, Kindertagesstätten bräuchten nicht ausgebaut zu werden, weil auch jede Mutter – jeder Vater es schaffen könnten, 2 Stunden täglich zu arbeiten. Wir wären alle gesünder, könnten unsere Freizeit sinnvoll nach Geschmack nutzen und vielleicht sogar wieder zum Volk der Dichter und Denker werden. Denn das Denken vergeht so manchem angesichts der Unsinnigkeiten unseres Systems.
Wurde der technische Fortschritt nicht immer damit begründet, den Menschen vom Joch der (Erwerbs) Arbeit zu befreien? Jetzt, wo dieser Zustand weitgehend erreicht ist, jammern alle den verloren gegangenen Arbeitsplätzen nach.
Wenn wir ehrlich sind geht es gar nicht um die Schaffung neuer (überflüssiger) Arbeitsplätze, sondern um eine Einkommenssicherung für alle Menschen. Deshalb muß neu definiert werden, wodurch Einkommen begründet wird. Erwerbsarbeit kann es allein nicht mehr sein, denn sie wird mehr und mehr zum Privileg einer Minderheit.
Menschen wollen auch keinen Arbeitsplatz, sondern ein Auskommen. Sie benötigen die Möglichkeit, ihr Leben und das ihrer Familie zu sichern, für Nahrung, Wohnung, Kleidung zu sorgen, ohne permanente Angst, dass dies einmal verloren gehen könnte. Auf Arbeit könnten wohl die meisten leicht verzichten. Arbeit ist ebenso wie Geld kein Wert an sich. Wieso sollte bezahlte Arbeit besser sein als z.B. freies Denken?
Sätze wie sie von Politikern á la Müntefering geäußert werden “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” sind anachronistisch und menschenverachtend. Denn ein Mensch gewinnt seinen menschlichen Wert nicht durch seine Arbeit, sondern durch seine pure Existenz. Er ist Mensch und damit wertvoll, einfach weil es ihn gibt. Mal ganz davon abgesehen, dass es fast nicht mehr möglich ist, mit normaler Erwerbsarbeit ein angenehmes Leben zu finanzieren. Kein Wunder, da jeder Arbeitnehmer mit einem gut Teil seines Verdienstes die Zinsen für die Wohlhabenden ableisten muss. So tragen auch Beschäftigte zur unheimlichen Geldvermehrung der Reichen bei ohne es zu wissen.
Und was ist denn letztlich “Arbeit”? Ist Arbeit nur der Teil der menschlichen Leistungen, der von einem anderen bezahlt wird?
Mit „ehrlicher“ Arbeit hat das nichts zu tun. Weder sind die Millionengehälter der Manager oder Fußballer gerechtfertigt, noch die Arbeit zum Nulltarif vieler Frauen im Erziehungs,- Pflege- und Familienbereich. Es ist ein Mythos zu glauben, Leistung rechtfertige eine bestimmte Einkommenshöhe, denn keine Arbeit ist für die Menschheit so wichtig und gleichzeitig so unterbewertet wie die Betreuung von Kindern und Kranken.
Der Satz: „Leistung muß sich lohnen“ ist eine Verhöhnung der Leistung von Frauen.
Die Arbeit “am Menschen”, die Familienarbeit, Pflege, Erziehung sind die wichtigsten Grundpfeiler unserer Gesellschaft und gleichzeitig die am wenigsten angesehenen Tätigkeiten (wenn sich Ansehen denn – wie bei uns durchaus üblich – in Geldwert ausdrückt). Arbeitet ein Profifußballer denn mehr als eine Mutter mit 3 Kindern oder ein Mann, der seinen bettlägerigen Vater pflegt? Und ist der Sport wichtiger als die soziale Arbeit? Falls nicht – warum wird nicht mit Geldmitteln der wahre Wert einer Tätigkeit ausgedrückt?
Im Grunde genommen gibt es überhaupt keine Arbeitslosigkeit, denn wo immer Menschen hilfsbedürftig sind, da gibt es Arbeit. Jede Gesellschaft besteht aus Menschen, die arbeitsfähig sind und solchen, die es nicht sind. Alle Menschen brauchen ein Einkommen, um leben zu können.
Wir brauchen eine Neudefinition des Begriffes “Arbeit”. Und wir brauchen eine Neuverteilung von “Einkommen”. Dies ist machbar über den Weg eines Grundeinkommens, das jeder Mensch ohne Ansehen von Person und Status bekommt und das ihm sein Leben sichert. Das Geld ist nicht da? Oh doch, denn Geld ist nur eine künstliche Konstruktion, etwas das von Menschen geschaffen wurde und somit von Menschen verändert werden kann.
Die jetzige Geldordnung müßte grundlegend geändert werden dahingehend, daß die Finanzhoheit wieder dem Staat übertragen wird, der Zins und Zinseszinsmechanismus abgeschafft und durch eine Nutzungsgebühr ersetzt wird. Statt daß die Geldbesitzer immer noch mehr Geld (Zinsen) bekommen, wenn sie es nicht ausgeben, sondern zur Bank bringen, muß umgekehrt in Zukunft ein Negativzins erhoben, wenn Geld dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird.
Banken und Finanzdienstleister ebenso wie Reiche würden sich natürlich bis zum Letzten gegen eine solche Änderung wehren, weshalb so etwas nur per Gesetz durchgesetzt werden kann. Auf Goodwill braucht man dabei nicht zu hoffen. Aber die Idee ist einfach und genial: wer Geld dem Kreislauf entzieht, wird nicht mit reichen Zinsen belohnt, sondern muss eine Gebühr, ein Negativzins bezahlen. Wer Geld stets in Umlauf hält, wird damit belohnt, dass er stets den vollen Wert des Geldes ausnutzen kann.
Natürlich ist ein solches System auch noch durch Veränderungen im Immobilienbesitz zu ergänzen. Denn auch hierdurch ergeben sich ja erhebliche Zinszahlung z.B. für Mieter.
Zu diesem Thema empfehle ich das Büchlein Der Ritt durch den Canyon von Max Leuchtenberg, 1964.
Und hier gibt es eine Menge interessantes Material zu unserem Geldsystem. Hier auch.