Wo liegen denn die Vorzüge? Nun, für die meisten ist es einfach sehr angenehm, in Foren, Kommentarspalten und ähnlichem anonym ihre Meinung äußern zu können, ohne das Familie und Chef gleich mitlesen – und sich vielleicht über die Art der Meinung nicht besonders freuen. So á la “Tante Elfriede ist die dümmste Kuh des Jahrhunderts” oder “Onkel Heinrich trägt ein stinkendes Toupet” oder vielleicht auch “Chef Murkel ist ein psychopathischer Choleriker und hat null Ahnung von seinem Geschäft. Außerdem bescheisst er das Finanzamt.”
Wer würde sich über derartige Äußerungen nicht ärgern? Und natürlich können sich auch handfeste Folgen für die Schreiber_innen ergeben. Anonym sein ist auch für Downloader_innen und Filesharer_innen aus verständlichen Gründen wichtig.
Wofür ist es nicht wichtig? Für Bank- und andere Rechtsgeschäfte im Netz ist Anonymität nicht wichtig, sondern sogar kontraproduktiv. Was hier gebraucht wird, ist absolut sichere, verschlüsselte Datenübertragung. Für die meisten Menschen ist es aber ganz normal, dass sie ihrer Hausbank und dem Onlinehandel, bei dem sie etwas bestellen wollen, ihre persönlichen Daten wie Name, Adresse etc. offenbaren. Anders sind diese Geschäfte auch nicht rechtssicher abzuwickeln.
Was sind die Nachteile der Anonymität? Wichtig ist es natürlich auch für alle, die Böses im Schilde führen, sei es nun das Hacken fremder Computer, der Datenklau oder auch das Stalken fremder Menschen – ein klarer Nachteil für alle davon Betroffenen und Opfer solcher Attacken. Anonymität verleitet zu Äußerungen, die “härter” ausfallen, als es sonst der Fall wäre. Für manche Menschen bedeutet die Anonymität das Fallen sämtlicher Hemmnisse und Schranken im Umgang mit anderen. Beleidigungen, Verfolgung, Veröffentlichung fremder Daten, Identitätsdiebstahl, Verleumdung, Faken von Profilen und vieles mehr gehört heute schon fast zum Alltag von Internetuser_innen. Die ständige Überprüfung per Google, ob ein fremder Eintrag zu finden ist, die Mühe falsche Einträge löschen zu lassen – wenn überhaupt möglich. Die nervliche und seelische Belastung kann sogar zu ernsthaften Erkrankungen wie z.B. Depressionen führen und zum kompletten Rückzug aus dem Internet führen.
Der Versuch von Blizzard, das Posten in einem WoW-Forum nur noch nach Angabe des echten Namens zu ermöglichen, hatte für einen Moderator ebendiese Folgen – Veröffentlichung seiner Klardaten und Androhung weiterer Aktionen. Interessanterweise haben Forennutzer des o.g. WoW-Forums diese Befürchtung geäußert (bei Einführung der sog. Real ID Pficht):
Viele kündigten an, sofort mit dem Posten von Beiträgen aufzuhören, sollte das System in dieser Form live gehen. Zwischen den Kommentaren liest man auch echte Sorge der Nutzer heraus. Ein solcher Schritt würde zum Beispiel “Stalkern Tür und Tor öffnen”.
(Quelle: netzwelt.de)
Was ist nun aber die Schlussfolgerung aus dem Ganzen? Sollte es keine Anonymität geben, um es Verbrecher_innen schwerer zu machen? Oder sollte es Anonymität für wirklich alle geben, die privat im Netz unterwegs sind? Auch für private Blogs und Homepages würde das bedeuten, dass für diese Webauftritte die sog. Anbieterkennzeichnungspflicht (pdf)/Impressum entfiele.
Wozu das gut sein soll, wenn ausschließlich private Inhalte und Meinungen veröffentlicht werden und die Anbieter zudem über die DeNIC jederzeit ermittelbar sind, erklärt sich mir sowieso nicht. Die Möglichkeiten, anonym zu sein/bleiben, sind sehr ungleich verteilt: Die Blogbesucher_innen können (über Anonymisierer, Tor etc.) anonym jeden Mist verbreiten ^^, Blogbetreiber_innen dürfen aber in Deutschland nicht anonym sein. Damit wird anonymem Stalking Tür und Tor geöffnet.
Insgesamt bin ich noch sehr unentschieden in meiner Meinung. Mehr Anonymität? Oder eher weniger? Oder ein Mittelding vielleicht? Eine zentrale Stelle, quasi eine “Zulassungsstelle” fürs Netz, die aber nur bei Strafverfolgung, Straftatverdacht etc. von den Behörden abgefragt werden kann und dann die Verbindung zwischen im Frontend anonymen Benutzer_innen und den im Backend hinterlegten Personendaten herstellt? Was wäre dann mit dem Datenschutz? Und wirklich noch mehr Daten sammeln?
Was meint ihr dazu? Wie ist bei euch die Gewichtung der Vor- und Nachteile? Welche Lösung könnt ihr euch für diese Problematik vorstellen? Sind Anonymität und Opferschutz vereinbar? Ist das Internet wirklich kein rechtsfreier Raum? Oder gibt es hier doch die eine oder andere anonymitätsbedingte Ausnahme?
Ich bin gespannt auf eure Meinungen.
Links zum Thema:
- Kontextschmiede: Wie kommt der Schmutz ins Internet?
- NullEinsund42: Wie anonym darf´s denn sein?
- Die ganze Welt des Wahnsinns: Pseudonyme im Internet. Zum Lästern in den Keller gehen?
- Cyberstalker Blog
- Netzwelt: Wenn Stalker das Netz missbrauchen











Vielen Dank für den Beitrag! Finden Anonymität im Netz für die freie Meinungsäusserung extrem wichtig – auch wenn man dafür manchmal die Greater Internet F***wad Theory in Kauf nehmen muss…
Meine Meinung: http://opalkatze.wordpress.com/2010/07/12/die-vorbereitung-des-verlusts-der-anonymitat/
Wo ist denn da der Unterschied zum Status Quo? Die ISPs geben auf genau solche Verdachtsfälle Daten heraus. Oder soll die Schwelle für “Verdacht” in dem Szenario tiefer liegen? Der Effizienzgewinn von dezentraler zu zentraler Stelle kanns ja wohl nicht sein.
Blaa, nicht aufmerksam genug gelesen, braucht man nicht freischalten, kann gelöscht werden.