Piratenweib´s Blog

Mit piratigen Grüßen


Das Recht auf Faulheit

Geschrieben am 25. Juli 2010 von Piratenweib

Ein kluger Mensch namens Paul Lafargue hat im Jahre 1883 bereits eine Weitsicht bewiesen, die ich manchen unserer heutigen Wissenschaftler_innen und Politiker_innen wünschen würde.

Er schrieb:

Die Ökomomen werden nicht müde, den Arbeitern zuzurufen: Arbeitet, damit der Nationalreichtum wächst! Und doch war es einer von ihnen, Destutt de Tracy, der sagte: »Die armen Nationen sind es, wo das Volk sich wohlbefindet; bei den reichen Nationen ist es gewöhnlich arm.« Und sein Schüler Cherbuliez setzt hinzu: »Indem die Arbeiter zur Anhäufung produktiver Kapitalien mitwirken, fördern sie selbst den Faktor, der sie früher oder später eines Teils ihres Lohnes berauben wird.«

Aber das ist genau das Wesen des Kapitalismus oder seines Auswuchses, der sich Neoliberalismus nennt, und unter dem wir heute alle (mit Ausnahmen, versteht sich!) leiden.

Dadurch, daß die Arbeiter den trügerischen Reden der Ökonomen Glauben schenken und Leib und Seele dem Laster Arbeit ausliefern, stürzen sie die ganze Gesellschaft in jene industriellen Krisen der Überproduktion, die den gesellschaflichen Organismus in Zuckungen versetzen. Dann werden wegen Überfluß an Waren und Mangel an Abnehmern die Werke geschlossen, und mit seiner tausendsträhnigen Geißel peitscht der Hunger die arbeitende Bevölkerung. Betört von dem Dogma der Arbeit sehen die Proletarier nicht ein, daß die Mehrarbeit, der sie sich in der Zeit des angeblichen Wohlstandes unterzogen haben, die Ursache ihres jetzigen Elends ist (…).

Alle Wirtschaftskrisen werden vom Kapitalismus selbst verursacht. Vom “den Hals nicht voll kriegen”, vom Gewinnstreben um jeden – wirklich jeden – Preis. Leiden müssen aber nicht die, die aus dem Kapitalismus die Vorteile ziehen, sondern die arbeitende Bevölkerung, die in einer Krise als erste geopfert wird.

Natürlich ist die Wortwahl Lafargues antiquiert und voller aufmerksamkeitsheischender Rhetorik. Auch war die Situation der Arbeiter_innen dieser Zeit eine andere – eine grauenhafte. (Gerne hier in Ansätzen nach zu lesen: Urbane und proletarische Existenzbedingungen)

Dennoch ist seine Grundaussage korrekt und es stimmt heute wie damals:

Statt in den Zeiten der Krise eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor Hunger die Köpfe an den Toren der Fabriken ein. Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körper überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: »Lieber Herr Chagot, bester Herr Schneider, geben Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!«- Und, kaum imstande sich aufrechtzuerhalten, verkaufen die Elenden 12 bis 14 Stunden Arbeit um die Hälfte billiger als zur Zeit, wo sie noch Brot im Korbe hatten. Und die Herren industriellen Menschenfreunde benutzen die Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produzieren.

Auch heute werden gern mal Löhne gedrückt, und dabei wird stets mit schlechten Zeiten und Krise argumentiert. Und dann wird denen, die so aus dem Erwerbsleben hinausgedrückt werden, auch noch mangelnde “Liebe zur Arbeit” zur Last gelegt. Oder wie es heute heißt: “Wer Arbeit will, der/die findet auch eine” oder “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.” Wie infam!

Das komplette Werk lässt sich hier lesen: Das Recht auf Faulheit und dazu gibt´s weiteres Material über Kapitalismus und Arbeit.

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