Die Psychos da draußen
11. Jänner 2010, 18:47, Kurt Rausch
Die Posting-Kultur ist an sich wichtig – aber sie ist auch ein Ventil für die landläufige Schlechtigkeit
Die Kollegen vom “Profil” haben sich geschreckt, weil sie auf ihr “Arigona” -Cover einige pathologische Leserreaktionen bekommen haben. Und zwar viele nicht anonym. Dabei hätte man sich erinnern können, dass zu Zeiten der Waldheim-Affäre antisemitische Leserbriefe mit vollem Namen und Adresse, gerne auch aus der bürgerlichen Bildungsschicht, an der Tagesordnung waren. Die Posting-Kultur auf den Internet-Seiten von Zeitungen, Magazinen und ORF ist an sich wichtig (man erfährt viel unmittelbarer, was die Leute bewegt und interessiert; manchmal entstehen spannende, intelligente Diskussionen). Aber sie ist auch ein Ventil für die landläufige Schlechtigkeit. Manchmal wird es so arg, dass sogar die “Krone” ihr Posting-Forum etwa zum Thema Arigona Zogaj schließen muss.
Auffällig ist übrigens der sexualpathologisch gefärbte Frauenhass, der einem da oft entgegenschlägt. Die Postings zu Arigona Zogaj und auch zu Natascha Kampusch sind häufig von einer solchen pathologischen “Qualität” , dass man sich fragen muss, wie viele Psychos da draußen wirklich herumlaufen. Ein bestimmter Prozentsatz ist einfach verhaltensgestört. Schlimm genug.
Aber die eindeutig feststellbare Verschärfung des allgemeinen Tons geht mit Sicherheit auch auf hetzerische, verantwortungslose Politiker und Medien zurück. Sie geben den – nicht wenigen – Anfälligen die Lizenz zum Ausrasten. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2010)
via Hans Rauscher – derStandard.at › Meinung.
Früher hat man von den verhaltensgestörten Menschen nichts gehört, weil sie keine Meinungsplattform hatten. Heute, in Zeiten des allgemein zugänglichen Internets, können sie sich buchstäblich überall auskotzen. Besonders gern tun sie das da, wo sie auf viel Zustimmung hoffen können. Ihnen mit sinnvollen Argumenten zu begegnen ist sinnlos. Lassen wir sie einfach toben – sie disqualifizieren sich selbst damit.











Muß man Psychos echt Raum lassen, wenn ja, warum und was passiert, wenn nicht? Und noch eine Frage: Nützt das irgend wem – außer ihnen selbst – wenn man sie zu Wort kommen läßt? Oder ist es vielleicht nicht sogar schädlich, sie machen zu lassen?
Sicherungsverwahrung wäre wohl manches Mal eine bessere Ort für Psychos als der öffentliche Raum, auch wenn er nur virtuell ist. Aber selbst für Sicherungsverwahrung muss erst die Gefährlichkeit und das Rückfallpotential bewiesen werden. Ich glaube, die Justiz wird sich damit nicht beschäftigen wollen. Wenn man sie aber zumindest virtuell zu Wort kommen lässt, funktioniert das – hoffentlich – wie eine Art Überdruckventil des Irrsinns. Aber natürlich kann die öffentliche Darstellung auch schädlich werden, nämlich dann, wenn sie zu viel zustimmende Aufmerksamkeit bekommt.