Ja, der Spreeblick. Immer wieder für einen guten Beitrag gut. Immer wieder lesenswert.
Philipp Gut klingt genervt. Der Kultur- und Gesellschaftschef der Schweizer Weltwoche hat genug von diesem ganzen Schwulen-Tamtam wie dem Christopher Street Day.
Die Schweizer Weltwoche, bekannt für ihre objekten und stets sachlichen Kommentare (Achtung: Satire!), hat mal wieder einen Streich ausgeführt. Diesmal nicht gegen Frauen, sondern gegen Homosexuelle. Nun könnte man natürlich sagen: Ach ist ja nur die Weltwoche, was soll man da erwarten, die Schweizer Boulevardgazette eben.
Aber erschreckenderweise ist die Weltwoche zur Zeit kein Einzelfall. Mir scheint, dass etliche Medien sich rückwärtswenden und die Zeiten “anno dunnemals” und “früher war alles besser” wieder hochhalten. Nun kann man ja verdrossen ob der heutigen Probleme sein, aber ob ein Rückschritt in die Vergangenheit eine Lösung bietet, darf wohl bezweifelt werden.
Wie Sarrazin zuvor ist Gut mit solchem Unfug jede Menge Applaus sicher von denen, die wieder einmal behaupten werden, hier würde jemand „eine Wahrheit aussprechen“, was sich ja sonst angeblich „keiner mehr traut“ (weil wegen Deutschland Zensurstaat und alle links und die 68er sind schuld und überhaupt). Es sind diejenigen, die sich immer wieder gerne gegen die böse „Politische Korrektheit“ und ein bedrohliches „Zuviel an Toleranz“ in der Gesellschaft wehren und die dabei den Begriff „Gutmensch“ mit Vorliebe als Beleidigung einsetzen.
Ja, es handelt sich um die alte Suche nach Feindbildern, nach Sündenböcken, denen man die Schuld an allem aufdrücken kann, was einen selbst im Leben bedrückt. Und bedrückt sind wie alle von den verschiedensten Dingen des täglichen Lebens: ich von der großen Dummheit vieler, du von den Steuernachforderungen des Finanzamts, er von den bösen Feministinnen (genannt: Femifaschistinnen), sie von den Vätern, die sich vor Unterhaltszahlungen ins Ausland verpissen … ja, wir alle tragen unser Päcklein. Helfen uns aber Schuldzuweisungen beim Tragen? Wohl eher nicht.
Das Fatale an Texten wie denen von Sarrazin und nun dem von Gut ist somit, dass sie die Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen fördern. Sie unterstützen Beißreflexe gegen Dritte, die als Schuldige für Irgendwas herhalten müssen, und wenn der Trend in einigen Mainstream-Medien anhält, darf man sich schonmal darauf vorbereiten, dass Frauen (wieder) in die Küche gehören und Kinder auch mal eine Tracht Prügel vertragen können.
Korrekt erkannt vom Spreeblick. Die Suche nach Schuldigen und Sündenböcken grenzt aus. Alles, was nicht so ist, wie es das eigene Denken beliebt, wird als böse und schlecht tituliert. Früher wurden solche Hetzparolen gerade mal von der Bild Zeitung verbreitet, seriöse Medien hätten sich damit kaum abgegeben. Heute aber, wo ein jeder Irre seine Meinung wahllos im Internet verbreiten kann, reagieren sogar vermeintlich neutrale Medien auf die auf ihren Internetauftritten veröffentlichten Kommentare, vermutlich im Irrglauben befangen, dass sich dort eine Mehrheit des Volkes äußert, der Gehör zu schenken sei. Wir dürfen uns in der Tat davor fürchten, dass es Rückschritte geben könnte, die unsere gesamte Gesellschaft in Mitleidenschaft ziehen würden.
Ich habe nichts gegen Männerrechtler, die für die Rechte von Männern einstehen und zwar auf einer sachlichen Ebene – “Frauen in die Küche” ist nicht sachlich, sondern regressiv. Ich bin immer dafür, benachteiligte Gruppen besonders zu fördern und zu stützen, damit sie ihren Anteil an der Gesellschaft und der Welt erhalten. Dabei gilt: die Hälfte der Welt für die Frauen der Welt. Aber viele der Frauen und Männer gehören auch noch anderen Gruppen an: Türk/innen, Schwule, Moslems, Lesben, Zwitter, Schwerhörige, Blinde, Rollstuhlfahrer/innen etc. pp. Und auch diesen Gruppen müssen wir ihre Rechte geben und garantieren. Das ist die Grundlage unserer Gesellschaft, unserer Demokratie.
Und es muss sein, damit in der deutschen Kultur- und Gesellschaftslandschaft neben dumpf auf die Eins klatschenden Rentnern im Samstagabend-TV, unter die Gürtlininie höhöhö-witzelnden „Comedians“, homophoben Fußball-Hooligans, schlimmsten Männer-Klischees entsprechenden Superstar-Anwärterinnen und dem jeden Oktober stattfindenden Treffen der Heterosexuellen mit Sprachfehler auch mal ein paar tolle Tunten mit Federboa und nackten Hintern zu sehen sind und sich ihres Lebens freuen.
Das, worüber am meisten gelacht wird, fürchtet man am meisten. Frauen, Fremdes, Ausländer, anderer Religionen, fremdartiges Aussehen … Witze und Comedians zeigen uns ganz genau den Spiegel unserer Ängste. In Zeiten, in denen ein frauenfeindlicher Comedian wie Mario Barth ganze Hallen mit seinen sexistischen Witzchen füllt und sogar in die ganz große Werbung einsteigt, in solchen Zeiten sollten wir gut aufpassen, dass nicht die ewig-gestrigen das Ruder in die Hand bekommen.
Wehret den Anfängen!











“Ich bin immer dafür, benachteiligte Gruppen besonders zu fördern und zu stützen, damit sie ihren Anteil an der Gesellschaft und der Welt erhalten. Dabei gilt: die Hälfte der Welt für die Frauen der Welt.”
Genau. Die Hälfte aller Wehr-/Zivildienstleistenden sollten Frauen sein. Und die Hälfte aller Gleichstellungsbeauftragten Männer. Wirklich überfällige Änderungen.
Oho, schon wieder so ein Anonymer Kommentator. Gibt´s dafür eigentlich keine Selbsthilfegruppe
Nun ja, was den Wehrdienst angeht: So bin ich für die vollständige Abschaffung, weil er für jedes Geschlecht gegen das Grundgesetz verstößt. Weg damit. Hättest du ein wenig mehr auf meinem Blog gelesen, wüsstest du das sicherlich …
Die Hälfte der Gleichstellungsbeauftragten können von mir aus gern Männer sein, da hab ich nix dagegen.