Piratenweib´s Blog

Mit piratigen Grüßen



Alleinerziehende – Die Hätschelkinder der Nation 15

Geschrieben am Januar 26, 2010 von Piratenweib

Ich wollte eigentlich gar nichts dazu schreiben, da mir solche Artikel – noch dazu von der FAZ (ein kluger Kopf … etc.) – eigentlich jede Lust aufs Schreiben vermiesen. Aber jetzt muss ich doch, denn das ganze Ding zieht Kreise.

Alleinerziehende
Die Hätschelkinder der Nation
Von Rainer Hank und Georg Meck

24. Januar 2010 Die Regierung legt vor, Kerstin F. muss folgen. „Die Politik hat die Alleinerziehenden zu ihrem Lieblingsthema gemacht“, sagt sie. Kerstin F. ist Einkäuferin bei der Bundesanstalt für Arbeit. Fördermaßnahmen für Mutter und Kind kauft sie ein: Prävention, Coaching, Stabilisierung, Aktivierung – stets zum Nutzen der Alleinerziehenden. Und finanziert vom Steuerzahler.

via FAZfinance – Alleinerziehende – Die Hätschelkinder der Nation.

„Alleinerziehend – alleingelassen.“ So tönt es quer durch alle politischen Parteien und Verbände. Dabei ist nichts so falsch wie dieser Satz. Alleinerziehende mögen arm oder traurig sein, von der Gesellschaft alleingelassen sind sie nicht. Im Gegenteil: Sie sind die Hätschelkinder des Wohlfahrtsstaates.

Dass eine große deutsche Tageszeitung sich traut, derartige Volksverblödung in die Öffentlichkeit zu setzen, ist einfach unglaublich. Sind die Ausländer als Sündenbock für den Zerfall des Staates und die Wirtschaftskrise nicht mehr genug? Müssen jetzt die nächsten herhalten, die – eigentlich Opfer unseres Wirtschaftssystems – nun zu Täterinnen stilisiert werden?

Zugleich stehen die Alleinerziehenden seit Jahren unter verschärfter Beobachtung der Statistiker und Demoskopen. Deswegen wissen wir auch, dass es im Jahr 2007 in Deutschland 1,6 Millionen Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren gab, dass das 18 Prozent aller Familien mit Kindern sind, dass in den neuen Ländern ihr Anteil an den Familienhaushalten bei 26 Prozent liegt und dass die Gruppe hierzulande stetig wächst – vier Mal so schnell wie im Schnitt der OECD-Länder.

Sind Alleinerziehende Terroristen? Oder warum sollten sie unter “verschärfter Beobachtung” stehen? Sie sind als Gruppe durchaus interessant, weil man an ihnen zum Beispiel den Bedarf für außerfamiliäre Kinderbetreuung wunderbar ablesen kann. Dass immer mehr Kinder aus Ein-Eltern-Familien kommen, sollte den Staat freuen: immerhin werden hier die fehlenden Generationen geboren, wo andernorts nur der Geburtenrückgang bejammert wird. Leute, die meinen, Alleinerziehende werden “verhätschelt”, sollten sich mal überlegen, was sie nun eigentlich wollen: Kinder zum Erhalt unserer Gesellschaft, oder Menschen ohne Kinder, die ihre Kraft allein dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen. Alles andere ist infame Heuchelei.

„Hartz IV schafft nicht unbedingt Anreize, in eine Partnerschaft zurückzukehren“, bestätigt die Sprecherin der Bundesanstalt. Ökonomen drücken dies noch viel radikaler aus: „Die staatliche Unterstützung nimmt den Charakter einer Trennungsprämie an“, urteilt der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Dabei behauptet niemand, die Alleinerziehenden führten auf Staatskosten ein komfortables Leben: Eine Alleinerziehende mit zwei Kindern (3 und 7 Jahre alt) erhält zum Beispiel knapp 1000 Euro monatlich.

Die Männerrechtler werden sich freuen, wenn die Alleinerziehenden ihre Bastionen stürmen, um von ihnen (bzw. ihren neuen Partnern) unterhalten und aushalten zu lassen. (Dies nur als sarkastische Randbemerkung). In welche Art Partnerschaft sollen die 95% Frauen und 5% Männer denn zurückkehren? In die, die sie – oft unter Schwierigkeiten und Gewalt – verlassen haben? Ist es Aufgabe des Staates, Menschen in Partnerschaften zu zwingen?

Ach ja, à propos Hans-Werner Sinn. Der gute Mann hatte ja bisher schon öfters ganz gute Forderungen und Ideen: zum Beispiel die Rentenzahlungen von Kinderlosen (die ja bekanntlich den Generationenvertrag boykottieren und von fremderleut Kinder im Alter profitieren) zu erhöhen, die Banken während der Wirtschaftskrise zu verstaatlichen, Managergehälter zu deckeln und den Finanzmarkt zu kontrollieren. Aber auch er hat seinen blinden Fleck. Bei ihm ist das das “anonyme System”, welches für ihn an der Misere heute verantwortlich ist. Er ist der Meinung, die Manager wären nur Sündenböcke als Ersatzverantwortliche. Eine weitere seiner verqueren Ideen:

Wenn die Arbeitnehmer bereit wären, ihre Arbeitskraft zum jeweiligen Marktpreis zu verkaufen, würden sie immer einen Arbeitsplatz finden. Allerdings müssten zwei Bedingungen erfüllt sein: 1. Flexibilität der Löhne nach unten und 2. keine Mindestlöhne. Leider werde die Anwendung des Sayschen Theorems von zwei Seiten verhindert: von den Gewerkschaften und vom Sozialstaat. Von den Gewerkschaften, weil ihre Mitglieder nicht von der segensreichen Wirkung des Gleichgewichtslohns überzeugt sind. Vom Sozialstaat, weil er über die Garantie eines arbeitslosen Existenzminimums eine Art Mindestlohn festsetzt. Auf dieser theoretischen Basis fußen die Überlegungen Hans−Werner Sinns.

via Weissgarnix

Dies nur, damit sich jede/r Leser/in hier eine Meinung über Herrn Sinn und die Qualität seiner o.g. Aussage machen kann.

Das läppert sich im Lebensverlauf. Für eine nie erwerbstätige Mutter mit einem Kind – eine nicht untypische Hartz-IV-Biographie – muss der Steuerzahler bis zu ihrem 50. Lebensjahr 445.000 Euro bezahlen, hat die Gießener Ökonomin Uta Meier-Gräwe errechnet.

Natürlich hat es einen Grund, dass Alleinerziehende ab 50 (deren Kinder dann hoffentlich bereits das Haus verlassen haben) grundsätzlich wohlhabend sind, denn sie konnten von den genannten 445.000 Euro bestimmt eine großzügige Alterssicherung schaffen oder haben die halbe Million überhaupt fürs Alter gespart. Wozu das Geld dem Vermieter in den Hals stecken, wozu die hungrigen Kindermäuler stopfen?

Wer Kinder unter drei Jahren hat, den zwingt Hartz IV ohnehin nicht zur Arbeit. Sie oder er muss sich in dieser Zeit auch nicht um zumutbare Jobs kümmern.

Nun, wie soll das auch gehen? Betreuungseinrichtungen für Kinder unter 3 Jahren sind mehr als rar – ganz zu schweigen vom “Rabenmutterstempel”, den arbeitende Alleinerziehende umgehend aufgedrückt bekommt. Wobei die Gesellschaft nicht mal bemerkt, wie bigott sie ist.

Ökonomen sehen die Sache nüchterner und sprechen von einer „perversen Anreizstruktur“. Zu Deutsch: Eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin wäre nicht nur dumm, sich offiziell wieder einen Partner zuzulegen.

Diese Aussage wird Klaus Schrader zugeschrieben (also EIN Ökonom, nicht ÖkonomEN!), seines Zeichens stellvertretender Leiter des Zentrums “Wirtschaftspolitik” beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. Er ist Mitautor dieser Studie Anreizprobleme bei Hartz IV: Lieber ALG II statt Arbeit? in welcher er speziell auch auf die Gruppe der alleinerziehenden Hartz IV Empfänger eingeht. Dort wird – kurz auf einen Nenner gebracht – dargelegt, dass der Abstand zwischen erzielbarem Lohn und Hartz IV bei Alleinerziehenden so gering sei, dass sich das Arbeiten rein rechnerisch bei ihnen am wenigsten rentiere. Daher hätten sie den geringsten Anreiz wieder aktiv in Arbeit zu kommen.

Kein Wunder, dass die Gesellschaft immer mehr Geld für Alleinerziehende ausgibt, ohne dass sich dies positiv in der Arbeitslosenstatistik bemerkbar macht. Allein für Babyausstattung, Hilfen für Klassenfahrten oder für Kommunion respektive Konfirmation stieg der Aufwand zwischen 2005 und 2007 von 42 auf 62 Millionen Euro.

Ganz anders da der Focus:

Anachronistisch anmutende Öffnungszeiten
In Sachen Kinderbetreuung ist Deutschland nach wie vor ein Nachzügler. In einer schwäbischen oder hessischen Mittelstadt einen Ganztagskindergartenplatz zu finden kommt einem Sechser im Lotto gleich. Es gibt nur wenige städtische Kindertagesstätten. Viele von ihnen ermöglichen zudem wegen eingeschränkter und oft anachronistisch anmutender Öffnungszeiten kaum eine ganztägige Berufstätigkeit. Zweistündige Mittagsschließzeiten oder Freitags um 15 oder 16 Uhr zu schließen, mag der Arbeitszeit des öffentlichen Dienstes angepasst sein, doch mit der Realität vieler Frauen und Männer haben derlei Anachronismen nichts zu tun.

Krippenplätze Mangelware
Noch rarer sind Ganztagsplätze für die Allerkleinsten zu finden, auch dort ist der Osten aus alter Tradition viel besser ausgestattet als der Westen, am besten steht bei den Krippenplätzen Sachsen-Anhalt da (547 Plätze für Kinder unter drei Jahren), dicht gefolgt von Brandenburg (429), Mecklenburg-Vorpommern (375) und Schlußlicht ist wiederum Baden-Württemberg mit nur 13 Plätzen für 1000 Kleinkinder unter drei Jahren.

Ist das Absicht vom Staat? Die Arbeit für erziehende Eltern unmöglich machen und sich dann beschweren, dass so viele staatliche Sozialleistungen an Menschen mit Kindern fließen? Was für ein krankes System ist das?

„Der Sozialstaat gleicht immer mehr einem totalitären Regime, das die Familien zerschlägt“, sagt der Kieler Sozialphilosoph Wolfgang Kersting. Kersting ist kein Konservativer von gestern, der bestreitet, dass der soziale Wandel die Familienwelt individualisiert hat. „Aber warum muss der Staat dies auch noch mit finanziellen Anreizen unterstützen?“, fragt er: „Damit beschleunigt der Wohlfahrtsstaat die Zerstörung der Familien.“ Und lässt sich das auch noch von den Steuerzahlern teuer bezahlen.

Kersting, seines Zeichens “Sozialphilosoph”, kommt zu dem Schluss, dass dahinter Kalkül des Staates steht. Allerdingsl  liegt er ganz falsch mit seiner Ansicht, dass der Sozialstaat die Familien zerschlägt. Das schaffen die Menschen schon ganz allein. Allerdings bietet der Sozialstaat zum ersten Mal die Möglichkeit eine Partnerschaft aufzugeben, eine Familie zu verlassen ohne damit automatisch in die Mittellosigkeit, Obdachlosigkeit zu geraten.  Damit ermöglicht der Staat den Individuen auch in ihrem Privatleben eine Freiheit, die es noch vor 100 Jahren nicht gegeben hat. Und um nichts in der Welt möchte ich die Uhr wieder zurückdrehen.

Eine sehr schöne Antwort auf den FAZ-Artikel schreibt Weissgarnix. Satire vom Feinsten. Auszug gefällig? Bitte sehr:

Kein Scherz. Die Alleinerziehenden bringen uns alle um. Finanziell meine ich. Steht in der FAZ. Und Sie wissen ja: Kluger Kopf und so… Im Wirtschaftsteil der FAZ retten Rainer Hank und Georg Meck die Republik. Vor besagten Alleinerziehenden. Sie seien die “Hätschelkinder der Nation”. Eine gefährliche Mission. Eine erbitterte Schlacht. Todesmut ist da gefragt. Richtige Männer. Denn das Gegenüber besteht zu 95% aus Frauen. Und da verliert man schon mal leicht die Übersicht: “Frau und Technik, Frau und Organisation, Frau und Kommunikation”. Eben. Davon 40% auf Hartz IV. Wahnsinn. Wer soll das bezahlen? Und das alles nur, weil in den Sechzigern “das Scheidungsrecht entmoralisiert” wurde, wie Hank und Meck schreiben. Scheiß Weiber. Nur wegen der paar Prügel gleich dem Mann davon laufen? Und dann soll der Steuerzahler dafür auch noch einspringen? Geht ja gar nicht.

Informationen zu Sozialer Gerechtigkeit gibt´s hier: Friedrich Naumann Stiftung – Soziale Gerechtigkeit

Eine sehr gute Antwort auf Kersting findest du bei antiferengi.

Auf zeitgeistlos schreibt Markus Vollack (epikur) kritisch über den FAZ-Beitrag.

Hier gibt´s einen Text von Kersting zu Freiheit und Gesellschaft.

Ins gleiche Horn wie die FAZ stößt natürlich wie nicht anders zu erwarten das Magazin eigentümlich frei.

Und auf Isi´s Welt Blog wird gleich dem Deutschlandradio für seine Hetze (Beitrag von Paul-Hermann Gruner) der Garaus gemacht.



↑ Nach oben